„Jedes Gebäude als Ganzes sehen – auch energetisch.“

Architekt Anton Mang

Weil die energetische Qualität von Gebäuden in den Fokus rückt, verändert sich auch der Blick auf die Architektur. Unser Interview mit Anton Mang, dem Inhaber des Büros „Und Mang Architektur” in München.

Herr Mang, in New York werden Wolkenkratzer schlanker und höher denn je, in Tokyo entsteht gerade das höchste Holzhaus der Welt – welche Trends bestimmen das Bauwesen in Deutschland?
In fast allen Ballungszentren ist Verdichtung das Schlagwort, wenn auch in unterschiedlichen Dimensionen. Aber die Tatsache, dass ein natürlicher Baustoff wie Holz wieder in den Fokus rückt, zeigt, dass wir beim Bauen stärker auf die „graue Energie“ achten, also die Energie, die im Gebäude drinsteckt. In Deutschland hat man sich in den letzten Jahrzehnten vor allem auf die Gebäudehülle konzentriert, um den Energieverbrauch zu senken. Jetzt weitet sich der Blick, es geht um die energetische Gesamtbilanz. Bisher jedoch regelt der Gesetzgeber die graue Energie, und auch die Entsorgung von Gebäuden, so gut wie gar nicht. Die neue Entsorgungsgesetzgebung für Polystyrol macht den Anfang. Das gängigste Außendämm-Material, das auf Millionen von Quadratmetern Fassadenfläche klebt, darf jetzt nicht mehr so einfach entsorgt werden. Da wird noch sehr viel passieren müssen, damit die Gesamtbilanz eines Gebäudes von Anfang an im Fokus steht.

Bauen wird immer teurer. Woran liegt es und was lässt sich dagegen tun?
Der Wohnraum in den Städten wird knapper, aber unsere Ansprüche werden immer größer. Der Wohnraum pro Kopf wächst kontinuierlich. Klar, Bauen ist auch wegen der energetischen Vorgaben teuer. Es ist überreguliert. Vernünftig wäre es, ganzheitlicher darüber nachzudenken und auch einfachere Alternativen zuzulassen. Viele Bestandsbauten lassen sich beispielsweise ganz anders nutzen – da ist noch viel Potenzial.

Sollten sich Architekten stärker in die Diskussion einbringen?
Natürlich bin ich ständig mit solchen Fragestellungen konfrontiert. Meine Aufgabe ist es, die Anforderungen und Wünsche vom Bauherren mit den gesetzlichen Vorgaben – dazu gehört auch das lokale Baurecht – und den bestehenden Rahmenbedingungen, also der verfügbaren Fläche und dem Budget etc. in Einklang zu bringen. In fast allen Fällen sollen Kosten eingespart werden. Manchmal geht es dann soweit, dass ich empfehle, ein kleines Gebäude nicht mehr zu unterkellern, weil der Keller einfach ein sehr teurer Teil des Gebäudes ist. Im Bereich Baudenkmal ist es eher andersherum: Da ist manchmal viel Platz, auch im Keller, und selbst dann tut es schon weh, wenn ein ganzer Raum nur für Haustechnik verplant wird. Es gibt Heiztechnologien, für die das gar nicht nötig ist, eine davon ist die Elektroheizung.

Wer trifft am Ende die Entscheidungen über die Haustechnik?
Normalerweise sind zwei Planer zuständig. Der Elektroplaner und der Heizung-Lüftungs-Sanitär-Planer (HLS-Planer). Das ist eine stark tradierte Aufgabenverteilung. Der Heizungsplaner will eine Heizung bauen, und die hat aus seiner Sicht immer einen Kessel, viele alternative Technologien kommen da gar nicht erst ins Blickfeld. Und der Elektroplaner ist traditionell nicht für die Heizung zuständig. Das ist manchmal recht schwierig, auch für mich als Architekt, wenn wir zum Beispiel beim Baudenkmal die Zahl der Eingriffe – Stichwort Wandschlitze – deutlich reduzieren könnten, wenn wir im Prinzip nur eine Elektroverteilung machen, um die Heizung abzusichern. Das ist dann schwierig mit dem HLS-Planer. Und selbst wenn er es machen wollen würde, dann sagt der Elektroplaner: Moment mal, das mach ich!

Dabei könnte ein Elektroplaner, der zukunftsorientiert denkt, sich auch zum Heizungs-Spezialist weiterentwickeln?
Das ist gut denkbar. Er muss natürlich den Wärmebedarf ermitteln können, so transparent wie der HLS-Planer. Also für wirklich innovative Haustechnik-Planer, und davon gibt es viele, beginnt jedes Objekt mit der Suche nach der optimalen Heizung. Also auch mit der Frage: Welche Energieträger sind da? Das ist das Spannende am Strom, der ist immer da.

Also geht´s um eine Gesamtbetrachtung?
Ja, und zwar über den gesamten Lebenszyklus. Das wird alles in einer Matrix verglichen und dann kommt man zu einer qualifizierten Empfehlung für den Bauherrn und zwar auch mit einem belastbaren Kostenvergleich. Wie groß sind die Anschaffungskosten, die jährlichen Verbrauchskosten, die Emissionen etc. Dann kann man auf einer soliden Grundlage entscheiden, ob am Ende mit Gas, Öl, Wärmepumpe oder Strom geheizt wird. Diese Planung integrativ zu betreuen, ist Kernaufgabe des Architekten, zusammen mit dem Haustechnikplaner.

Da zählt nicht allein der jährliche Verbrauch, sondern auch: Was ist an der Stelle angemessen, wie können wir´s einbauen, wie ist es raumklimatisch, was empfehle ich dem Bauherrn für eine bestimmte Bauweise? Ab einer gewissen Gebäudegröße kommt noch ein Bauphysiker ins Spiel. Der geht auch noch mal einen Schritt zurück und schaut auf das ganze Gebäude. Er hat digitale Tools, um das Haus virtuell zu bauen, kann die Räume mit einer spezifischen Nutzung und allen Parametern (Ausrichtung der Fenster nach Norden etc.) belegen und berechnet dann die Heiz- und Kältelast für ein ganzes Jahr. Das ist eine sehr wertvolle, unabhängige Entscheidungsgrundlage, aber eine solche Berechnung kostet extra.

Verdient jedes Gebäude eine individuelle Betrachtung?
Genau. Auf einer Berghütte will ich vollkommen unabhängig sein und bin froh, wenn ich auch mit Solarstrom heizen kann. Bei einem Einfamilienhaus, das konventionell beheizt ist, ist es anders. In einem aktuellen Fall hat sich der Bauherr für eine lehmverputzte Wandheizung entschieden. Während wir für eine Kfz-Prüfhalle, in der ständig die Türen auf- und zugehen, eine reine Strahlungsheizung empfohlen haben. Wenn die Luft ständig ausgetauscht wird, macht es nun mal keinen Sinn, sie zu erwärmen. Da sind Elektro- oder auch sogenannte Infrarotheizungen mit ihrer Strahlungswärme im Vorteil. Die bringen die Wärme exakt an die Stelle, wo sie gebraucht wird.

Wenn Sie mit dem EVO Komplettset, also Elektroheizungen, Photovoltaik-Anlage und Energiespeicher einen Neubau ausstatten können: Welches Haus wäre ideal?
Vorteile hat diese Lösung zum Beispiel, wenn ein sehr günstiges Gebäude gewünscht ist. Oder wenn es um ein älteres Gebäude geht und der Sanierungsaufwand im Rahmen bleiben muss. Auch, wenn es um ein größeres Gebäude geht, das dezentral beheizt werden soll, sollte man darüber nachdenken. Stellen Sie sich einen Kindergarten vor, mit großer Grundfläche. Dann haben Sie mit konventionellen Öl- und Gasheizungen relativ hohe Wärmeverluste, aufgrund der langen Leitungen – abgesehen von den höheren Installationskosten. Also wäre hier eine Elektroheizung sinnvoll, in Verbindung mit dezentraler Warmwasserbereitung.

Herr Mang, vielen Dank für das Gespräch!

Text: Robert Botz
Fotografie: Und Mang Architektur

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Steckbrief „Und Mang Architektur“
Das Münchener Büro „Und Mang Architektur“ beschäftigt sich sowohl mit Neubauten als auch mit dem Sanieren, Umbauen und Erweitern bestehender Bausubstanzen. Die spezifische Erfahrungs- und Planungskultur des Büros zielt auf optimale Lösungen in ökonomischer, sozialer und ästhetischer Hinsicht.
Gegründet: 1996 Mitarbeiter: 3
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